Was heißt eigentlich “Online-Kollaboration”?

Der Begriff Online Kollaboration ist in vielen Zusammenhängen aufzufindender Begriff. Eine einheitliche Definition des Begriff gibt es bis heute nicht, so dass hier zunächst verschiedene Definitionen aufgeführt werden, die in der Fachliteratur Verwendung finden. Online-Kollaboration ist indes eine Modernisierung der ursprünglichen Kollaborationsdefinition. Daher ist eine Betrachtung der ursprünglichen Kollaboration erforderlich, um die derzeitige Begriffsdefinition im Kontext zu verstehen. Eine Definition von Dr. Stoller-Schau aus dem Jahr 2003, in dem die digitalisierte Zusammenarbeit noch weitestgehend in den Anfängen war, beschreibt die herkömmliche Kollaboration folgendermaßen:

Die von zwei oder mehreren Personen an gemeinsamen Zielen ausgerichtete, direkte und sich wechselseitig beeinflussende tätige Auseinandersetzung zur Lösung oder Bewältigung einer Aufgabe oder Problemstellung. Dies geschieht innerhalb eines gemeinsam gestalteten und ausgehandelten Kontextes (gemeinsamer Bedeutungsraum, kooperatives Setting) in physischer Ko-Präsenz und unter Verwendung gemeinsamer Ressourcen (= kollaboratives Handeln).
(STOLLER-SCHAI 2003: 47)

Darauf aufbauend wurde der Begriff der Online Kollaboration folgendermaßen abgeleitet:

Die von zwei oder mehreren Personen an gemeinsamen Zielen ausgerichtete, direkte und sich wechselseitig beeinflussende tätige Auseinandersetzung zur Lösung oder Bewältigung einer Aufgabe oder Problemstellung. Dies geschieht innerhalb eines gemeinsamgestalteten und ausgehandelten, computervermittelten Kontextes und unter Verwendung gemeinsamer Ressourcen.
(STOLLER-SCHAI 2003: 47f.)


Gemeinsam trotz Corona arbeiten

Definitionen für Online Kolloboration in der aktuellen Forschung

Natürlich finden sich in der aktuellen Forschungsliteratur weitere Definitionen von digitaler Kollaboration, die hier beispielhaft und ohne anspruch auf Vollständigkeit kurz dargestellt werden. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. begreift die Kolloboration als eine digitale Grundfähigkeit. Kollaboration wird definiert als Zusammenarbeit, die „unabhängig von räumlicher Nähe und über verschiedene Disziplinen und Kulturen hinweg effektiv und effizient in Projekten [ist], um als Team bessere Resultate als Einzelpersonen zu erzielen“ (KIRCHHERR, KLIER, LEHMANN-BRAUNS & WINDE o.J.: 6). Weitere digitale Grundfähigkeiten sind nach den Verfassern Digital Literacy, Digitale Interaktion, Agiles Arbeiten, Digital Learning sowie Digital Ethics. Neben den digitalen Fähigkeiten gibt es laut der Studie noch klassische und technologische Fähigkeiten.

Als Digitale Kollaboration kann bezeichnet werden, wenn gezielt die gemeinsame Leistung durch verschiedene, IT-basierte Mechanismen, so genannte Thinklets, unterstützt wird. […] Ausgangspunkt einer Klassifizierung und Modellierung von Thinklets war die Erkenntnis, dass Gruppenprozesse häufig davon abhängen, dass ein Moderator sie führt. […] Thinklets sollen derart gestaltet sein, dass die Gruppe auch ohne Moderator zu guten Ergebnissen gelangt. Dazu sind, neben den auszuführenden Aktivitäten, auch Regeln zu ihrer Koordination Bestandteil von Thinklets. Mittlerweile sind von Wissenschaftlern im Bereich des Collaboration Engineering zwischen 50 und 100 Thinklets gesammelt, die unterschiedlich in Kollaborationsmuster kategorisiert, und dann ausgewählt werden können“.
(ROBRA-BISSANTZ & SIEMON 2020: 11f.)

Darunter fallen z.B. folgende Arbeitsmethoden: Divergieren (von wenigen zu mehr Konzepten), Konvergieren (Fokus auf wenige, wohl durchdachte Konzepte legen), Organisieren (mehr Verständnis für Zusammenhänge erzeugen), Bewerten sowie Konsens schaffen. (ROBRA-BISSANTZ & SIEMON 2020: 11f.).

Nach Baumgarten und Müller wird Kollaboration definiert als die zeitgleiche Arbeit an einem gleichen Artefakt. Um die Zusammenarbeit an einem Artefakt zu unterstützen, kommt eine Vielzahl IT-basierter Hilfsmittel zum Einsatz, wie z.B. ein Multi user editor (BAUMGARTEN & MÜLLER 2020: 242f.) Umgesetzt werden lann die Kollaboration mittels sogenannten Kollaborationsplattformen, wie z.B. Office 365 (BAUMGARTEN & MÜLLER 2020: 246). EIn Problem der verwendeten Kolloborationsplattformen ist, dass sie unternehmensintern zwar zielführend eingesetzt werden können, aber für die unternehmensexterne Kommunikation ungeeignet sein können, wenn die Kommunikationspartner nicht dieselbe Plattform benutzen. Das führt dann dazu, dass die E-Mail das wirkungsvollste Instrument für die unternehmensexterne Kolloboration darstellt (BAUMGARTEN & MÜLLER 2020: 251).

Nach Benke und Maedche zeichnet sich die globalisierte und vernetzte Welt durch die Zusammenarbeit zwischen und innerhalb von Unternehmen aus. Dieser Vorgang der Zusammenarbeit an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten miteinander bezeichnen die Autoren als digitale Kollaboration, wenn der Kommunikationsprozess durch Informations- und Kommunikationstechnologien unterstützt wird (BENKE & MAEDCHE 2019: 52). “eKollaboration wird definiert als Vorgänge und Prozesse der Kommunikation, Koordinatiorn und Kooperation zwischen Menschen in verteilten Kontexten, wie Prozessen, Organisationen, Teams oder Projekten, was durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht wird” (BENKE & MAEDCHE 2019: 52f.). Die Begriffe eKollaboration, virtuelle Kollaboration sowie digitale Kollaboration bezeichnen alle den gleichen Sachverhalt.

Interessant an dem Aufsatz von Benke & Maedche sind die dort aufgezeigten verschiedenen Aspekte der Kollaboration. Zum einen nennen sie die Kommunikation als das aufeinander bezogene Verhalten zweiter oder mehrerer Personen und deren Interaktion mit dem Ziel der Übertragung von Informationen” (BENKE & MAEDCHE 2019: 53). Die nächsthöhere Ebene ist dann die Koordination, die stattfindet, um Abstimmungen von aufgabenbezogenen Tätigkeiten zu vollziehen. Als Kooperation wird die Tätigkeit von mehreren Personen bezeichnet, die zur Zielerreichung ihre Tätigkeiten bewusst auseinander abstimmen. Wichtig sind hierbei u.a. die Zielidentität sowie Ressourcenaustausch und Kontrolle.

Die höchste Ebene in einem kollaborativen Arbeitsprozess ist die Kollaboration. Kollaboration ist der Oberbegriff für die vorher erklärten drei Teilbereiche. Nach Benke und Maedche werden durch den Fokus auf die Realisierung eines Gruppenziels und die dazu erforderlichen Gruppenprozesse Kollaboration geschaffen.

Abgrenzung der Online Kollaboration in unterschiedliche Betrachtungsaspekte

Je nach Branchenfeld wird die Online-Kollaboration mit verschiedenen Aspekten in Verbindung gebracht. Die Abgrenzung erfolgt dahingehend in:

  • UnternehmensübergreifendeVernetzung von Geschäftsprozessen
  • Digitale Ermöglichung und Unterstützung von ortsunabhängiger Zusammenarbeit und unternehmensinterner Kommunikation

Bei der unternehmensübergreifenden Vernetzungen werden einerseits transaktionsorientierte branchenweite ERP-Lösungen verstanden, mit den beispielsweise ein effizentes Customer Relationship Management ermöglicht werden soll (SAP o. Ä.). Andererseits fallen konversations-optimierende Methoden unter die Begrifflichkeit Online Kollaboration.

Die unternehmensinterne Vernetzung im Bereich der Online Kollaboration erfüllt vorrangig die Aufgabe der digitale Echtzeitübertragung und parallelen Bearbeitung von Dokumenten und Dateien.

Aufgrund der sich stets ändernden digitalen Infrastruktur und der technischen Möglichkeiten wandeln sich permanent die kollaboratorischen Anforderungen und somit auch die daeinhergehenden Bestimmungen. Neben dem o.g. reinen anwendungsorienterten Aspekten umfasst laut Dr. Stoller-Schai die E-Collaboration auch die Forschungsfelder CSCL (Computer-Supported Cooperative Learning) und CSCW (Computer Supported Cooperative Work). Es ist in erster Linie die Pädagogik, die zur Charakteristik kollaborativer Prozesse Theorien und Forschungsergebnisse liefern kann. Vor allem die pädagogische Psychologie beschäftigt sich damit, wie kooperative und kollaborative Lernprozesse „funktionieren“ und wie man sie gestalten kann, wenn sie in einem instruktionalen Kontext, resp. in einem arbeitsplatzbezogenen Kontext zur Anwendung kommen. 

Die Psychologie und hier vor allem die Sozial- und die Arbeitspsychologie weisen eine lange Tradition bezüglich der Frage auf, wie Gruppen und Teams funktionieren und wie kooperative und kollaborative Arbeitsplätze, resp. kooperative und kollaborative Arbeitsbeziehungen ausgestaltet werden können. Wenn Individuen miteinander kollaborieren, dann finden „kollektive Lernprozesse“ statt und es entsteht gemeinsam geteiltes Wissen. Das dazugehörende Forschungsgebiet wird „Shared Cognition“ oder „Distributed Cognition“ genannt. Eine Nähe zu diesem Forschungsbereich weisen auch Theorien auf, die sich mit „situiertem Lernen“ sowie „implizitem Wissen“ beschäftigen.  Ein wichtiger Bezugsrahmen bildet das Thema des „organisationalen Lernens“, da kollaborative Lern- und Arbeitsprozesse immer auch organisationale Lernprozesse sind.  Kollaborative Lernprozesse können nur verbessert und optimiert werden, wenn auch miteinander darüber reflektiert werden kann. Darum sind Theorien und Ansätze, die sich mit der individuellen und kollaborativen Reflexion von Lern- und Arbeitsprozessen beschäftigen, ebenfalls von Bedeutung. Das Verständnis kollaborativer Lern- und Arbeitsprozesse in computervermittelten Kontexten erfordert den Einbezug von Theorien und Ansätzen, die sich mit der Charakteristik computervermittelter Kommunikation und Interaktion beschäftigen sowie virtuelle Teamprozesse zu beschreiben vermöge. Für die Auseinandersetzung mit kollaborativen Arbeitstechnologien gilt es, Forschungsergebnisse aus dem CSCW-Bereich zu berücksichtigen.

Auswirkungen der digitalen Kollaboration auf die Nutzer

Benke & Maedche gehen davon aus, dass eine Verbesserung der verwendetetn Technologien direkt zu einer Verbesserung der Kollaboration insgesamg führt (BENKE & MAEDCHE 2019: 62ff.). Sie erhoffen sich insgesamt auch deutliche Produktivitätssteigerungen. Allerdings weisen sie auch darauf hin, dass hinsichtlich der Nutzer der digitalen Kollaboration weniger Forschung betrieben wird. Sie weisen berechtigt auf die Notwendigkeit der Erforschung der affektiven und kognitiven Nutzerzustände hin (BENKE & MAEDCHE 2019: 63). Benke & Maedchen gehen davon aus, dass in virtuellen Teams, deren Mitarbeiter geografisch und zeitlich über die Welt verteilt sind, sowohl durch affektive als auch kognitive Nutzerzustände beeinflusst werden. Es ist nämlich nicht so, dass in einer weltumspannenden Kollaboration diese Nutzerzustände zugunsten einer rationalen und effektiven Arbeit ausgeblendet werden können. Vielmehr wird in neueren Forschungen davon ausgegangen, dass eine Balance zwischen Mensch, Maschine und Emotionen herrschen muss, denn ein hohes Maß an Erregung und Valenz kann als Stress wahrgenommen werden, der sich direkt auf die Arbeitsergebnisse auswirken kann. Bei den kognitiven Zuständen geht es um die Organisation und die Verwendnung von Wissen. In der Forschung wird davon ausgegangen, dass die Kognition und die Struktur des Informationssystems eng miteinandern verbunden sind (BENKE & MAEDCHE 2019: 56).

In virtuellen Teams kristallisiert sich eine Vielzahl von Problemen heraus. Zum einen können durch Messenger-Dienste oder Video-Anrufe wichtige Informationen zwischen den Kommunikations-partnern nicht transportiert werden, nämlich die nonverbale Ebene der Kommunikation. Auch zeigen die Teilnehmer an virtuellen Meetings weniger Aufmerksamkeit als bei persönlichen Treffen. Auch erhöht sich insgesamt der Stresslevel bei der Nutzung der genannten Technologien (BENKE & MAEDCHE 2019: 62f.).

Dieses Defizit in der Kommunikation kann eventuell durch technologische Lösungen beseitigt oder zumindest verringert werden. So können z.B. Emoticons genutzt werden, um Stimmungen auszudrücken. Auch könnten Eyetracker eingesetzt werden, um die Aufmerksamkeit der Kommunikationspartner im Blick zu behalten. Als drittes Beispiel wird der Herzraten-Chat genannt, bei dem die Herzrate in Form eines Chats angezeigt wird, so dass die Kommunikationspartner durch diesen Chat mehr Informationen über die anderen Kommunikationspartner erhalten (BENKE & MAEDCHE 2019: 64).

Benke & Maedche stellen sich berechtigt die Frage, ob solche System von den menschlichen Nutzern überhaupt angenommen werden, da mit diesen Technologien ungewollt weitere persönliche Informationen weitergegeben werden, die man selbst nicht beeinflussen kann (BENKE & MAEDCHE 2019: 67). Die Nutzer haben womöglich keiner Interesse an der Weitergabe dieser sehr persönlichen Informationen.


Quellenangaben

BENKE, Ivo; MAEDCHE, Alexander, 2019. Die Rolle von Affekt und Kognition bei der Gestaltung und Nutzung von Kollaborationswerkzeugen. In: HMD (2019) 56:50-69. DOI https://link.springer.com /article/10.1365%2Fs40702-018-00492-4

KIRCHHERR, Julian; KLIER, Julia; LEHMANN-BRAUNS, Cornels; WINDE, Mathias, o.J. Future Skills: Welche Kompetenzen Deutschland fehlen. Essen: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

ROBRA-BISSANTZ, Susanne; SIEMON, Dominik, 2029. Kooperation in der Digitalen Wirtschaft. HMD (2019) 56:7-21. DOI https://link.springer.com/article/10.1365%2Fs40702-018-00492-4

STAHL, Gerry, 2002. Computer Support for Collaboratice Learning: Foundadtions for a CSCL Community https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=KVnABS1ADEYC&oi=fnd&pg=PA24&dq=CSCL&ots= 4jvN_rwaG4&sig=gL60Ur_RLAm5yStDVVggKzqWqK8#v=onepage&q=CSCL&f=false

STOLLER-SCHAI, Daniel, 2003. E-Collaboration: Die Gestaltung internetgestützter kollaborativer Handlungsfelder. Universität St. Gallen, Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften (HSG) Difo-Druck GmbH, Bamberg Difo Druck GmbH. http://fachsymposium-empower ment.de/Verschiedenes/e-collaboration%20dis2767.pdf

WÖRWAG, Sebastian; CLOOTS, Alexandra (Hrsg.), 2020. Human Digital Work – Eine Utopie? Erkenntnisse aus Forschung und Praxis zur digitalen Transforamtion der Arbeit. Wiesbaden: SpringerGabler. ISBN 978-3-658-26798-8

Jens Winter

Jens Winter arbeitet als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde an der Jeetzeschule in Salzwedel. Dabei beschäftigt er sich intensiv mit der Umsetzung von Digitalisierung im Kollegium und im Unterricht.

Christian Peter

Christian Peter hat an der Hochschule Anhalt Medientechnik sowie Elektro- und Informationstechnik studiert.

Aufgrund dieser Vorbildung liegt sein beruflicher Schwerpunkt stark im Fokus der digitalen und mediengestützten Kommunikation.

Seit 2017 arbeitet Christian als Projektleiter im Rahmen der digitalen Dokumentation eines regionalen Energieversorgers.